Bei ihrem ersten öffentlichen Vortrag nach Erscheinen der Biografie zu Heinrich Friedrich Wiepking wurde es sehr still im Hörsaal des Institutes für Landschaftsarchitektur. Während das Publikum auf eine Filmsequenz von spielenden Kindern im Garten von NS-Reichspropagandaminister Joseph Goebbels von 1943 Jahren schaute, sagte Dr. Ursula Kellner: „Es wird einem schlecht, wenn man weiß, was mit diesen Kindern geschah.“ Die Grünanlagen des Waldhofes am Bogensee in Brandenburg, auf denen sich die sonnenbeschienenen Freizeitbilder abspielten, hatte Wiepking entworfen. Die Zeit im Nationalsozialismus mache eine bedeutende Phase in dessen Leben aus, so Kellner, doch beließ sie es nicht bei diesem Kapitel.
Die Landschaftsarchitektin, Journalistin und ehemalige Lehrbeauftragte ordnete es in eine sorgfältig recherchierte, mit Quellen nachprüfbare und auch von der Seite mancher Vorzüge betrachtete „vielschichtige Wirklichkeit“ ein. Die Darstellung reichte von Wiepkings früher Jugend bis zu seinem Tod – geschöpft aus Materialien zu mehr als 30 Jahren als Hochschullehrer in Berlin und Hannover, 50 Jahren als Landschaftsarchitekt, aus drei Büchern und um die 100 Zeitschriftenartikeln. Trotz deutlicher Stellungnahme ließ sie den Zuhörenden den Spielraum, die Kunst mancher Gärten von seinen düsteren Sichtweisen zu trennen.
Von einem politischen System in das nächste gewechselt
Am Montag, den 1. Juni 2026, war Kellner einer Einladung des Zentrums für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur (CGL) an der Leibniz Universität Hannover gefolgt und stellte dessen wichtigste berufliche Stationen und Karriereschritte vor. Scheinbar bruchlos erstrecken sie sich über drei unterschiedliche politische Systeme: Weimarer Republik, Drittes Reich und Bundesrepublik Deutschland.
Vor einigen Wochen veröffentlichte der Wallstein Verlag Kellners Rekonstruktion seiner Vita unter dem Titel „Ein Leben zwischen Grün und Braun. Heinrich Friedrich Wiepking. Gartenarchitekt, Landschaftsgestalter – Hochschullehrer 1891 – 1973“. Den Band mit der Beschreibung von den Anfängen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen zum erfolgreichen Grüngestalter vorzugsweise orthogonal strukturierter „Raumgärten“, zum wissenschaftlichen Lehrer und hochgeachteten, in Verbänden aktiven Fachmann hat die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen gefördert.
Kellner betonte, dass es sich um eine Re-Konstruktion des Lebenslaufs handelt, zumal Wiepking mit verschleiernden und beschönigenden Erzählungen sein berufliches Curriculum in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entworfen hatte, dabei manches aufschmückte und die Schatten des Nationalsozialismus herunterspielte. Im Zuge der Entnazifizierungen der Alliierten sollte der Entwerfer einer Landschaft um das Olympische Dorf in Döberitz für die Spiele von 1936 sogar wahrheitswidrig behaupten, niemals für Adolf Hitler („der Erfüller meiner Gedanken“) oder andere Größen der NSDAP gearbeitet zu haben. „Denken Sie an den Film“, erinnerte Kellner.
Sonderbeauftragter und Teil der nationalsozialistischen Eroberungspolitik
Als besonders belastend gilt seine Stellung als Sonderbeauftragter für die „Deutschen Ostgebiete“ in einem Planungsstab des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, die er bis Kriegsende innehatte. Himmler ließ wissen, man möge diesen Professor Wiepking heranholen, „ich halte ihn für ausgezeichnet“. Kellner machte deutlich, dass Wiepking in dieser Tätigkeit für die Schaffung „deutscher Kulturlandschaften“ besonders nahe an die Entrechtungen, Vertreibungen und Ermordungen der „ostischen“ Bevölkerung (Wortwahl Wiepking) im Krieg herangekommen war.
Die Person Wiepkings war von besonderer kulturpolitischer Brisanz, da er zusammen mit Wilhelm Hübotter (1895–1976) die Gründung eines Studienganges für Gartenbau und Landeskultur vorangetrieben hatte. Die „grüne Hochschule“, zunächst ab 1947 in Sarstedt, später in Hannover-Herrenhausen, war der Grundstein für die universitäre Ausbildung zu (Grün-)Raumgestaltern in Niedersachsen. 1952 wurde sie in die Fakultät für Gartenbau und Architektur an der Technischen Hochschule eingegliedert, heute Leibniz Universität. Ein besonderes Augenmerk Kellners galt der konservativ-völkischen Weltanschauung Wiepkings und in welcher Weise sie auf die Generationen von Studierenden und Mitarbeitenden abfärbte.
Schon vor 1933 pflegte er eine Abneigung gegen Demokratie, entwickelte Affinitäten zur Blut- und Boden-Ideologie mit ihrer biologistischen Rassenausgrenzung und hatte Kellner zufolge nach 1945 Schwierigkeiten, seine Sprache den freiheitlichen Gegebenheiten anzupassen. In emotionalen Formeln gab er den Garten als Hort der Seele, die Natur als Kraftquelle aus und verbrämte sie mit Mythen sowie Versatzstücken des deutschen Idealismus. Damit war er (meistens) anschlussfähig.
Fortgesetzte Karriere in junger Bundesrepublik und „öffentliche Enttarnung“
Sein Aufstieg in der Bundesrepublik verdanke sich dem Wegschauen und Schweigen von Unterstützern, denn wie Wiepking habe sich eine Mehrheit der Landschaftsarchitekten den neuen demokratischen Verhältnissen angedient, um beruflich weiterzukommen. 1972, ein Jahr vor seinem Tod, sorgte eine studentische Aktion in Hannover für die „öffentliche Enttarnung“ des Mannes, der ständig um sein öffentliches Ansehen bemüht war. In der Folge des gesellschaftlichen Aufbruchs der 68er hatte man seine berufsbiografischen Spuren in die NS-Zeit offengelegt und die Wortwahl seiner Schriften aus dieser Zeit (darunter der „Landschaftsfibel“) angeprangert. Er sei untragbar.
Doch selbst danach fand Wiepking Menschen, die weiter an ihn glaubten und den „Mythos“ des Mannes perpetuierten. Von einem echten Neuanfang damals könne nicht geredet werden, resümierte Kellner. Dass die Linie zwischen Grün und Braun bei Wiepking sehr dünn war, regt zu Nachdenken über Moral und Selbstverständnis der Profession an. Sie sei begründet mit dem „Sujet Grün und die daran geknüpften Heilserwartungen, deren Traditionslinien bis heute in die Umweltbewegungen und die Politik hineinreichen“ (S. 445 der Biografie). Grün trage ein geheimes Glücksversprechen in sich und Wiepking habe diese Klaviatur stets erfolgreich zu spielen gewusst.