Barockgarten gleich Artenarmut? Das Gegenteil ist der Fall, wird aber kaum gesehen. Bei einem Impulsvortrag zu „Wie tragen historische Gärten zur Biodiversität bei?“ hat Inken Formann, Professorin für Professorin für die Geschichte der Landschaftsarchitektur und Gartendenkmalpflege an der LUH, die besondere Rolle historischer Gärten bei der Bewahrung von Biodiversität beschrieben. Anhand von Studien lässt sich ihr hoher Beitrag belegen, erklärte sie am 21. September 2025 bei der traditionellen Matinée der VolkswagenStiftung in Hannover. Dem Publikum im vollbesetzten Saal des Xplanatoriums im Schloss Herrenhausen sagte Formann: „Sie werden sich wundern: In den Herrenhäuser Gärten leben zahlreiche besonders geschützte Arten.“ Zuvor hatte Prof. Dr. Matthias Glaubrecht vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels an der Universität Hamburg in „Das Ende der Evolution oder das stille Sterben der Natur“, das Verschwinden von Arten deutlich gemacht. Die von Prof. Christian Werthmann moderierte Veranstaltung trug den Titel: „Biodivers und geschichtsträchtig? Bedeutung historischer Gärten für Denkmalschutz und Artensterben“.
Gärten garantieren Artenvielfalt
Historische Gärten sind Formann zufolge nicht nur künstlerisch gestaltet, sondern auch ökologisch bedeutend. Ein verbreitetes Missverständnis betreffe den Zusammenhang von Pflegeintensität und Artenvielfalt. Viele Menschen gingen davon aus, dass biodiversitätsfördernde Flächen möglichst sich selbst überlassen werden müssten. Dabei führe gerade die menschliche Kulturleistung und Fachpflege zu Vielfalt. Ausschlaggebend ist dabei der hohe Strukturreichtum historischer Gärten und eine lange und kontinuierliche Nutzung: kleinräumig wechselnde Gestaltungen, verschiedene Standortbedingungen mit spezifischen Boden-, Wasser- und Lichtverhältnissen, verschiedene Pflanzenarten und bauliche Materialien sowie idealerweise gleichbleibende Nutzungen formen vielfältige Lebensräume – und dies seit langem.
Gartenkmalpflege ist Naturschutz
„Erst das stete Bemühen um eine bestimmte Gestaltung schafft diese Vielfalt. Die regelmäßige Pflege sichert die nötige Kontinuität, damit sich Arten dauerhaft etablieren können“, so Formann. Zahlreiche Studien weisen diese Zusammenhänge wissenschaftlich nach. So komme beispielsweise in den Potsdamer Gärten rund ein Fünftel aller in Deutschland heimischen Tier- und Pflanzenarten vor. Im Park von Sanssouci seien auf vergleichsweise kleiner Fläche fast ebenso viele Gehölzarten nachgewiesen worden wie im gesamten Berliner Stadtgebiet. Selbst streng formal gestaltete – vermeintlich naturferne – Anlagen wiesen eine hohe Artenvielfalt auf. Gerade die alten Gärten hätten eine hohe Bedeutung für den Naturschutz. Dies sei in der Fachwelt seit Langem bekannt, werde jedoch gesellschaftlich noch zu wenig wahrgenommen.
Biodiversität auch in Herrenhausen messbar
In den Herrenhäuser Gärten zeigen Kartierungen wildwachsender Gefäßpflanzen, dass intensive Rasenpflege nicht automatisch einen Rückgang floristischer Vielfalt bedingt. Vielmehr konnte sich durch kontinuierliche Pflege und unter verschiedenen Standortbedingungen, durch das hohe Alter des Gartens und den vollständigen Verzicht auf Pflanzenschutzmittel ein artenreicher Kräuterrasen an der Graft entwickeln. Der städtische Fachbereich Herrenhäuser Gärten habe zudem mit dem Biologen Dr. Boris Schlumpberger einen Fachmann, der Artenschutz im Gartendenkmal in den Fokus nimmt, umfangreiches Wissen zum Artenbestand zusammenträgt und die Fachpflege entsprechend darauf abstimmt. Im benachbarten Georgengarten würden Gärtner und Gärtnerinnen die Wiesen so mähen, dass sowohl die Gestaltung des Landschaftsgartens erhalten als auch die Artenvielfalt gefördert werde. Auch bei einer Kooperation mit dem Insektenbündnis Hannover würden denkmalkonstituierende künstlerische Gestaltungen und die Bewahrung von Umweltvielfalt vereint.
Artenzählungen in Gartendenkmalen
Dass die Herrenhäuser Gärten bereits heute ein „Hotspot“ der Biodiversität sind, bestätige auch der Blick in die Citizen-Science-Plattform ‚iNaturalist‘. Dort sind hunderte Tier- und Pflanzenarten dokumentiert. Für einzelne Artengruppen, etwa Wildbienen, Käfer oder Pilze, lägen zudem detaillierte Untersuchungen vor, die eine außergewöhnlich hohe Vielfalt auch bei besonders geschützten Arten nachweisen. Sie sei teilweise größer als in Flächen, die „naturnah“ wirken, wie etwa die hannoversche Ihme-Aue oder die Kulturlandschaft am Kronsberg. Die Berggartenallee und der Berggarten mit seinen botanischen Sammlungen sind seit langem Orte von Artenzählungen. Zudem wurden in der Herrenhäuser Allee nicht nur die nördlichsten Populationen besonderer Pilze nachgewiesen, sondern auch bisher nicht bekannte Pilzarten.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Formann den alten Gehölzbeständen. Altbäume seien ökologisch nicht ersetzbar und zugleich zentrale Zeugnisse von Garten- und Kulturgeschichte. Der Paradigmenwechsel in der Gartendenkmalpflege vom reinen „Bildschutz“ (nur das überlieferte Erscheinungsbild) hin zum „Substanzschutz“ (Erhaltung der historischen Originalsubstanz) seit den 1970er Jahren trage deshalb unmittelbar dazu bei, Biodiversität zu erhalten. Ohne das Bewahrungsinteresse wären wertvolle genetische Ressourcen bereits unwiederbringlich verloren gegangen.
Bedeutung des grünen Kulturerbes muss sichtbarer werden
Die Erkenntnisse, dass Gründenkmale vielfältige Wirkungen entfalten, ist gesichert, doch gebe es ein strukturelles Problem: Aufgrund der Kulturhoheit der Länder im Denkmalschutz fehlt eine einheitliche Erfassung von grünbestimmten Denkmalen in Deutschland, sagte Formann. Folglich ist das grüne Kulturerbe nicht sichtbar. Dies sei einer der Gründe, weshalb seine ökologische Bedeutung häufig unterschätzt wird. Zudem arbeiteten nur wenige Menschen in der Gartendenkmalpflege, die solche Fachinhalte transportieren können. Der personell besser aufgestellte Naturschutz sei ein wichtiger Partner, zumal Naturschutz auch den Erhalt von Vielfalt, Eigenart und Schönheit verankert habe.
Der Klimawandel bedroht bereits Erreichtes. Extreme Wetterereignisse, wachsende Anforderungen an die Verkehrssicherung und steigende Pflegekosten setzten historische Gärten unter erheblichen Druck. Die Intaktheit dieser Orte ist für die Zukunft unverzichtbar, forderte Formann. „Wir brauchen Gartendenkmäler zum Biodiversitätserhalt: als funktionierende, strukturreiche Lebensräume – für Mensch und Natur. Das grüne Erbe gestaltet mit, ob unsere Zukunft lebenswert ist.“
Plädoyer für erweiterte Biodiversitätsdebatte und Zusammenarbeit
Die Biodiversitätsdebatte müsse erweitert werden: Es gehe darum, Synergien zwischen Naturschutz und Denkmalschutz sichtbar zu machen und sich Hand in Hand für Kultur- wie Naturerbe und Umweltvielfalt einzusetzen. Mehr noch: Historische Gärten seien Lernorte, an denen man ökologische und kulturelle Dimensionen zusammenführen kann. Formann: „Nicht polarisieren zwischen ökologisch wertvollen und scheinbar wertlosen Pflanzen, Naturschutz und Denkmalschutz, sondern fördern, was unser Ökosystem wertvoll und stabil und unsere Welt lebenswert macht.“
Dem Stadtgrün komme in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zu. Da in Deutschland rund 80% der Menschen in Städten leben, sind historische Gärten und Parks – die Herrenhäuser Gärten und andere Stadtparks genauso wie Friedhöfe, Wallanlagen und alte Alleestrukturen – schnell erreichbare Orte für Naturerfahrung, in denen das Mensch-Umwelt-Verhältnis geprägt werde. Orte in Hannover wie der Georgengarten, der Berggarten oder der Große Garten Herrenhausen bereichern als Kulturdenkmale die Umweltvielfalt und müssen als Teil von Biodiversitätsstrategien gesehen werden, appellierte Formann.